Die Alte Schule in Wasbüttel ist zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgekehrt. In der Stube wird wieder Lesen und Schreiben gelernt - allerdings auf alte Art. Marlena Stumpf-Hotop lehrte gestern erstmals wieder die Sütterlinschrift. Die Wasbütteler waren zur Veranstaltung des Dorfleben-Vereins fast in Klassenstärke angetreten: 13 Schüler standen wissbegierig auf der Matte. Und sie wurden nicht enttäuscht. Denn schon nach einer halben Stunde hatte ihnen die Lehrerin so viele Buchstaben beigebracht, dass sie erste Wörter in der "Deutschen Schrift" entziffern und schreiben konnten - erst einmal mit dem Bleistift. "Wer möchte, darf sich aber auch einen Füllfederhalter nehmen", so Stumpf-Hotop. Selbst Uhu- oder Gänsefeder hatte sie parat. Aber schön Zeitung unters Tintenfass legen!

"Das kleckst so schön!", freute sich eine Schülerin. "Ich habe schon einen Krampf in der Hand", ihr gegenüber. Manch einer griff auch wieder schnell zu den Verhaltensmustern aus der Kindheit - und lugte zum Abschreiben auf das Heft des Tischnachbarn. "Das haben wir doch früher auch gemacht", sagte Hanni Knospe und grinste.

Stumpf-Hotop startete mit leichten Lektionen, die Buchstaben I, M, N, U und E. Sie sehen alle fast gleich aus - Zickzacklinien. Das Dumme an Sütterlin: Viele Buchstaben haben auch noch zwei oder gar mehrere Formen, je nachdem, wo sie im Wort sie stehen. Stumpf-Hotop fragt sich allerdings selbst, warum mitten in "Wasbüttel" stets das runde und nicht das scharfe S verwendet wurde. "Ich habe es nie anders in Urkunden gesehen. Vielleicht weil es am Ende einer Silbe steht?"

Die großen Buchstaben ließ sie gestern besser noch weg. Zu kompliziert. Auch die Schräglage ist als erhöhter Schwierigkeitsgrad für spätere Unterrichtsstunden vorgesehen. "Damit wir erst einmal den Überblick bekommen." Und wer nicht durcheinander kommen wollte, setzte die Striche über die Umlaute lieber immer gleich.

Die Schüler übten eifrig. "Was für eine ruhige Klasse!", freute sich die Lehrerin. Sie hat den Vergleich, denn ihr Arbeitsort war einst die Haupt- und Realschule in Calberlah. Ihre eigenen Schuljahre verbrachte sie jedoch in Wasbüttel - nur stand zu ihrer Zeit die Sütterlin-Schrift auch schon nicht mehr auf dem Lehrplan. Die hat sie sich selbst beigebracht - und in AG-Stunden auch Calberlaher Schülern.

Das zur ersten freiwilligen Unterrichtsstunde so viele Wasbütteler kamen, erstaunte auch sie. Der Grund: "Einige haben zu Hause alte Urkunden und wollen sie endlich mal lesen können." Zum Beispiel Christa Gruber. In ihrem Besitz befindet sich ein Rezeptbuch ihrer Mutter - lauter Hieroglyphen. Bis gestern. Die Anleitung für Preiselbeertorte war zum Ende der Stunde enträtselt.

Abschließend stellte Stumpf-Hotop die entscheidende Frage: "Wollen wir weitermachen?"
"Natürlich", antwortete Renate Altenkirch stellvertretend für alle, "wir wollen doch nicht auf halber Strecke stecken bleiben."

Somit gibt es weitere Unterrichtsstunden, immer Mittwochs ab 10 Uhr.

Fakten

Die Sütterlinschrift ist nach Ludwig Sütterlin benannt, der sie 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums entwickelte, um Kindern das Schreibenlernen zu erleichtern. Gelehrt wurde sie bis 1941.

 

Aus der Gifhorner Rundschau, Wolfsburg - 15. November 2012 - Gifhorn Lokales - Seite G04, Fotos: Silberstein