2022 04 14az2Schon vor dem Start wurde es schwierig. Sollte die Gebets-Expedition des Calberlahers Valery Netzer am Nordpolarkreis etwa daran scheitern, dass niemand seinen Proviant-Vorrat zu den Depots entlang des Trails Kungsleden Nord lieferte, die er sich ausgeguckt hatte?

Sein Plan war gewesen, entlang des 450 Kilometer langen Wegs an mehreren Stationen Proviant zu bunkern, um ihn nicht komplett mitzuschleppen bei seiner Pilgertour unter dem Titel „Gebet für unsere einzigartige Welt“. „Aber DHL liefert nur in die Städte.“ Um dorthin zu kommen, hätte Netzer jedes Mal die Tour für einen Tag unterbrechen müssen.

Dem Pastor der Friedenskirche in Wasbüttel blieb nichts anderes übrig, als den kompletten Proviant auf seinen Schlitten zu packen. Der wog dann schlappe 90 Kilogramm, mit denen Netzer auf seiner Bahnfahrt in den Norden mehrfach umsteigen musste.

In Kopenhagen sah es noch mal so aus, als würde jemand dem Calberlaher Steine in den Weg legen: Er hatte aus Buchenholz und drei Rädern von einem Möbeltransportroller einen fahrbaren Untersatz für den Schlitten konstruiert und war auf dem Bahnhof der dänischen Hauptstadt so unglücklich mit dem Schlitten gegen einen Bordstein gestoßen, dass die Räder brachen.

2022 04 14az1Im Rückblick wertet Netzer diese Probleme als Chance, „Engeln in Menschengestalt“ zu begegnen. „Ich musste noch dreimal umsteigen, und jedes Mal haben mir freundliche Männer geholfen, den Schlitten zu tragen.“ Pünktlich landete Netzer in Abisko, wo er vor dem Aufbruch ins Gebirge erst noch die Frage der Rückfahrt klären wollte, schließlich musste der Schlitten per Bahn nach Calberlah zurück. „Abisko ist vielleicht so groß wie Wasbüttel. Es gibt Hostels, ein Hotel, Ferienwohnungen, einen Laden, sonst nichts.“ Netzer fragte den Hausmeister des Hostels, wo er wohl Ersatzräder herbekäme. Die ernüchternde Antwort: Nirgends.

„15 Minuten später kam der junge Mann zu mir. Er hatte in seiner Werkstatt in einem Schrank genau solche Räder gefunden, wie ich sie brauchte. Wie die Räder da hin gekommen waren, wusste er nicht. Das war ein Mega-Wunder.“ Sowohl er als auch der Hausmeister hätten feuchte Augen gehabt.

„In dem kleinen Nationalpark gibt es zwei Stellen, wo man zelten darf“, erzählt Netzer. Eine davon wurde zur Basisstation, wo Netzer seine Vorräte deponierte, um dann jeweils mit Ausrüstung für etwa eine Woche aufzubrechen. Aus Pulverschnee baute Netzer sich ein Iglu, „eine ziemliche Herausforderung“, bei der er an das kleine Volk der Inuit gedacht und sie im Gebet vor Gott getragen habe. „Seit Generationen leben und arbeiten sie mit dem Schnee, sie könnten uns viel vermitteln, werden aber nicht gehört“. Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen, wandelte er immer wieder in Gebet um, „sehr situativ“.

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Der erfahrene Bergsteiger ging bis an die Grenzen – erkannte und akzeptierte sie. Wie den Schneesturm, „in dem der Schnee fiel wie eine Wand“. Eine Nacht bei minus 36 Grad im Zelt, „wobei mein Thermometer nur bis minus 30 Grad gemessen hat, den Rest konnte ich nur schätzen“. Eine Tour, die er mit einem jungen Wuppertaler gestartet hatte, „einem absoluten Anfänger“. Sie hatten beschlossen, zu einem Hochplateau aufzusteigen, aber der Wind wurde immer stärker, die Schutzhütte war noch Kilometer weit weg. „Da war es nur noch vernünftig, die Flucht nach hinten anzutreten.“

Netzer freut sich, bei solchen Gelegenheiten andere von seinem Wissen und seiner Erfahrung profitieren zu lassen und auf diese Weise „auch für sie zum Engel werden zu können“. Er berichtet von Übernachtungen in Schutzhütten, wo er auf internationales Publikum traf. Und immer hätten sich tiefe Gespräche ergeben, auch über Netzers Gebetsanliegen. „Ein Pärchen aus Tschechien hatte sogar schon davon im Internet gelesen.“

2022 04 14az3Als Netzer von einer Tour zurück kommt, ist es im Tal ein paar Grad über Null. Sein Iglu ist weggeschmolzen. Eine Auswirkung des Klimawandels, für die Einheimischen eine echte Katastrophe. „Ich bete darüber und trage es vor Gott“, sagt Netzer. So wie er es mit den Menschen macht, die er auf der Rückfahrt auf dem Kopenhagener Bahnhof trifft. „Dort hatte ich 17 Stunden Aufenthalt.“ Viel Zeit zum Beobachten.

Unterwegs durch Schnee, den er fallen hören konnte, unter sternenbedecktem Himmel, der Anblick von Polarlichtern, die endlose Stille der weißen Landschaft: Netzer berichtet von „traumhaft schönen Augenblicken, Begegnungen und Erlebnissen“. Obwohl er schon einige Zeit wieder zuhause ist, arbeitet die Tour weiter in dem 55-Jährigen. Netzer hat sich Notizen gemacht, sehr viele, wie er sagt. Etwas drängt ihn dazu, damit weiter zu arbeiten, seine Gedanken auch theologisch weiter zu durchdenken. „Und noch träume ich jede Nacht von der Tour.“

Aus der Allerzeitung vom 14.04.2022, Fotos: privat