2022 04 13bz1Valery Netzer, der Pastor der Friedenskirche in Wasbüttel, brach vor zwei Monaten zu einer einmonatigen Pilgertour über dem Polarkreis auf – um für die einzigartige Welt zu beten, für ein friedliches Zusammenleben der Nationen und für ein ökologisches Handeln. Zurück in seinem Wohnort Calberlah berichtet der gebürtige Ukrainer über die Erlebnisse auf seiner Solo-Wintertour durch Schweden, während der der Krieg in seiner einstigen Heimat ausbrach.

Der Kamin lodert, es ist mollig – ganz anders als vor ein paar Wochen. Da saß Netzer bei -15 bis -20 Grad Celsius draußen. „Das ist Moltebeere, habe ich mitgebracht aus Schweden“, sagt er beim Eingießen des heißen Tees. Eine Woche habe er gebraucht, um sich von den Strapazen in der Eiseskälte wieder zu erholen. Kaum zurück im eigenen Haus, hatte die ganze Familie Corona. Plötzlich löste engste Hausgemeinschaft vier Wochen Einsamkeit ab.

„Vom Inhalt und der Intensität der Reise bin ich sehr erfüllt und bereichert“, sagt Netzer. Dabei habe er kurz vor dem Start noch einmal komplett umplanen müssen. Statt einer durchgängigen Strecke auf dem „Kungsleden Nord“ musste er ein festes Lager bei Abisko aufschlagen und von dort mehrere Touren starten, weil das Vorhaben gescheitert war, sich an verschiedene Zwischendepots per DHL Vorräte zu schicken. „Ich musste den ganzen Proviant gleich in einem Stück von zu Hause mitnehmen.“ Die Folge: Sein Gepäckschlitten wog 90 statt 60 Kilogramm – eine schwere Last schon bei der Anreise per Bahn.

Es kam, wie es kommen musste: „In Kopenhagen sind die Räder abgebrochen.“ Zeit für das erste Gebet. Mit Hilfe von Passagieren und eines Schaffners schaffte Netzer es aber bis Abisko. „Das größte Wunder war dort: Es lag schon Schnee und ich konnte den Schlitten auch ohne Räder ziehen.“ Das zweite Wunder: Dort – am gefühlten Ende der Welt -- fanden sich tatsächlich noch einmal dieselben Räder wie die zerbrochenen – der Hausmeister der Touristenstation schenkte sie ihm. „Ich hatte Tränen in den Augen.“

2022 04 13bz2Im Wald bei Abisko baute er sich ein Iglu aus Schnee und Zweigen. „Das war mein Schlafplatz und Basislager.“ Angst, dass man ihn bestiehlt, hatte er nicht: „In der Wildnis herrscht eine gesunde Ethik. Da nimmt keiner einem etwas weg.“ Von diesem Lager startete Netzer seine Sieben-Tagestouren und nahm immer nur so viel mit, wie er dafür brauchte.

„Ich hatte interessante Begegnungen mit Menschen“, erzählt der Pastor. Die kämen aus aller Welt dorthin, um die Polarlichter zu sehen. „Der Himmel ist dann voller Sterne. Unfassbar!“ Alexander aus Wuppertal traf er in einer Hütte, in der er vor einem Schneesturm Schutz suchte. „Wann hat man die Zeit, mit jemandem querbeet über alle Themen des Lebens zu sprechen, ohne auf die Uhr zu schauen?“ Unterwegs erkannte ihn ein Pärchen aus der Tschechei – den Pilger-Pastor aus Instagram.

Vom Krieg in seiner Heimat Ukraine erfuhr der Calberlaher erst drei Tage nach dem Ausbruch. „Ich komme ursprünglich aus den Karpaten im Westen, habe aber auch zwei Jahre in Russland studiert.“ Kontakte in die Heimat bestehen immer noch. Ziel seiner Gebetstour war eigentlich das Nachdenken über den Sinn des Lebens und darüber, wie sich Völker auf Augenhöhe austauschen können. Aber der Krieg zeige ihm: „Die Mächtigen teilen die Welt unter sich auf wie einen Kuchen. Die anderen müssen sich unterordnen.“

Zu den Opfern zählt er auch die Grönländer. „Bei der politisch-wirtschaftlichen Machtteilung zwischen den großen Nationen werden sie kaum berücksichtigt. Aber sie haben massiv mit den Auswirkungen der modernen westlichen Lebensweise und den Folgen der Klimaerwärmung zu kämpfen. Das führt oft zu Identitätsverlust und Perspektivlosigkeit.“ Netzer unterstützt deshalb das Kinderheim „Mælkebøttecentret” (Löwenzahncenter?) in Nuuk und sammelt Spenden. „Dort finden Kinder ein Zuhause, die durch Suizid ihrer Eltern verwaist sind.“

Als Netzer von einer Tour zurück zu seinem Basislager kam, wurden ihm schlagartig die Auswirkungen des Klimawandels bewusst: „Der Schnee schmolz, Pfützen lagen auf dem Eis. Mein Iglu war zusammenfallen.“ Für diese Jahreszeit seien warme Winde mit +5 Grad Celsius völlig untypisch. „Irgendwann wird Lappland eine winterlose Zone.“ Was der Pastor aber schön fand: „Das ist die Purität der Elemente. Dieses Minimum kann so schön sein – Gottes Schönheit.“

Der schwere Schlitten versinnbildlichte Netzer die Schwere des Lebens. „Meine Gebete richteten sich danach. Man tut Buße für die Welt aus der Anstrengung heraus.“ Netzer hatte am Ende allen Proviant verbraucht, der Schlitten war 30 Kilogramm leichter. Er selbst hatte zum Glück kein Gewicht verloren – dank kalorienreicher Fertiggerichte. Und Schokolade. „Die gibt immer sofort Energie.“

Und zuhause sagt er: „Ich träume immer noch intensiv von der Tour.“ Sein Projekt habe viele Menschen angesprochen – sie haben ihn durch seine Instagram-Beiträge begleitet. „Ich würde sie sofort wieder machen.“

Unser Redakteur Michael Strohmann hat ein Interview mit Valery Netzer für den Outdoor-Podcast „Draußen“ geführt. Diese Episode steht den Hörerinnen und Hörern von heute an auf der Online-Plattform unserer Zeitung zur Verfügung.

Spendenkonto für das „Löwenzahncenter“: Valery Netzer, SKB Bad Homburg. IBAN: DE73 5009 2100 0001 0128 19, Verwendungszweck: Kinderheim Grönland

Aus der Gifhorner Rundschau vom 13.04.2022, Fotos: privat