2021 08 26az1Ganz langsam, zentimeterweise bewegen sich die zusammengeschweißten, 18 Meter langen Rohre nach vorne, Richtung Elbe-Seite Kanal. Gestützt wird die 400 Meter lange Pipeline davon von schweren Maschinen: Vier Bagger und ein sogenannter Seitenbaum halten die Pipeline sozusagen am Schweben, alle paar Meter liegen die Rohre auf Rollböcken auf. Am Mittwoch um 10 Uhr sind auf der Wasbütteler-Seite des Kanals nur noch rund 200 Meter Rohrleitung zu sehen. Der Rest ist bereits in einem Loch im Boden verschwunden.

2021 08 26az2Denn die Pipeline, die schon ab nächsten Jahr die dann vollständig umgerüsteten Kohlekraftwerke im VW-Werk, mit Erdgas aus dem 33 Kilometer entfernten Walle versorgen soll, muss an diesem Mittwoch unter dem Kanal entlang verlegt werden. Ein Schauspiel, wie man es nur selten zu sehen bekommt, und das einer Menge Vorbereitung bedarf.

„Mit der Planung für die gesamte Pipeline haben wir 2018“ angefangen“, erinnert sich Projektplaner Alexander Maus von der Gasunie. Damals war VW mit der entsprechende Anfrage an das Unternehmen herangetreten. Der Autobauer will seine beiden Steinkohlekraftwerke auf Erdgas umstellen und so 1,5 Millionen Tonnen CO2 jährlich einsparen. Es folgten detaillierte Planungen und ein langwieriges Planfeststellungsverfahren.

Jetzt, rund drei Jahre später, läuft der Bau der Pipeline auf Hochtouren. Doch während im Normalfall die 40 Zentimeter Stahlrohre nur in einem Graben mit mindestens einem Meter Tiefe versenkt werden, ist das Ganze bei Hindernissen wie dem Elbe-Seiten-Kanal schon etwas komplizierter.

So müsste für die Unterführung zunächst eine Pilotbohrung vorgenommen werden, anschließend wurde sogenannte Räumer durch die Bohrung gezogen und schließlich wird der Bohrkanal, der 7,5 Meter unterhalb des Elbe-Seiten-Kanals entlang führt, mit einer speziellen Bohrspülung stabilisiert. Aber damit nicht genug. „Unter Wasserstraßen müssen die Stahlrohre noch eine zusätzliche Ummantelung erhalten und wir müssen den Bohrkanal mit einer Betonitmischung versiegeln“, erklärt Oliver Frey, Oberbauleiter der ausführenden Firma GME.

Diese Betonitmischung wird direkt mit dem Rohr in den Kanal gelassen. Beides zusammen verdrängt dabei Schritt für Schritt die Bohrspülung. Diese sprudelt dafür auf der anderen Seite des Elbe-Seite-Kanals hervor – und wird dort direkt recycelt.

Dort steht auch die Maschine, welche die Pipeline langsam unter dem Kanal hindurchzieht: Eine sogenannte Horizontal-Drilling-Anlage mit einer Zugkraft von 100 Tonnen. Die gleiche Maschine war auch schon für die Bohrung zuständig. Nun ist das Bohrgestänge mit den Stahlrohren verbunden und zieht sie unsichtbar durch den Untergrund. Allerdings immer nur meterweise. Immer wieder muss der Vorgang gestoppt werden, damit das Bohrgestänge vom Betonitgemisch gereinigt werden kann. Denn: „Wenn das fest wird, kriegt man es nicht mehr ab“, weiß Frey.

Auch Zeit spielt deswegen eine nicht unwesentliche Rolle. Die 400 Meter Pipeline müssen auf der anderen Seite des Kanals zum Vorschein kommen, bevor das Betonitgemisch sich verfestigt. „Sonst geht nichts mehr, dann kann man von vorne anfangen“, sagt Frey. Rund vier Stunden haben Frey und seine Mannschaft dafür am Mittwoch eingeplant.

Diese besteht aus fast 200 erfahrenen Fachleute. Die Kennzeichen an den Autos an der Baustelle verraten: Die Experten kommen aus ganz Deutschland. Aber nicht nur von dort: „Wir haben Fachleute aus ganz Europa und sogar zwei Spezialschweißer aus Kolumbien hier“, berichtet Frey. Auch im Leitungsbau herrscht in Deutschland akuter Fachkräftemangel.

Irgendwann schließlich ragt auch das Ende der Pipeline aus dem Loch hervor. Das Hindernis Elbe-Seiten-Kanal liegt hinter dem Team. Eine etwa 28 Meter breite Schneise die sich bei Calberlah durch Felder und Landschaft zieht, zeigt schon an, wo lang die Pipeline weiter führend wird. Bis sie das VW-Werk erreicht, steht dann mit dem Naturschutzgebiet Ilkerbruch sogar noch ein größeres Hindernis im Weg. Dort muss die Pipeline sogar 1,2 Kilometer unterirdisch verlegt werden.

Aus der Allerzeitung vom 26.08.2021, Fotos: Steffen Schmidt