2022 01 26az1Der Pastor der Wasbütteler Friedenskirche wagt einen ungewöhnlichen Aufbruch: Er startet Anfang Februar zu einer Gebets-Expedition an den Nordpolarkreis. Vier Wochen lang will er betend wandern oder wandernd beten auf dem Kungsleden Nord, dem 450 Kilometer langen „Königsweg“ durch Lappland.

Die Mischung aus Outdoor-Aktion und Gebet praktiziert Netzer schon länger, er bezeichnet sie als „festen Bestandteil meines christlichen Glaubenslebens“, gleichzeitig sei das eine Verwirklichung seiner Träume. So formuliert er es auch bezogen auf seine Solo-Wintertour: „Das wird eine Kombination sein zwischen einer lang bewegten Traumerfüllung und einem Gebet für unsere einzigartige Welt in der gegenwärtigen Situation.“

2022 01 26az2Schon als Kind habe er von einer Polartour geträumt, verrät der 55-Jährige. „Da meine familiäre Situation nun mehr Freiräume gibt“ – die drei Kinder sind erwachsen –, „habe ich vor etwa dreieinhalb Jahren angefangen, in die Richtung konkreter zu denken.“ Die erste Idee, diese Expedition in Grönland oder auf der kanadischen Baffininsel zu starten, scheiterte an dem zu hohen Gesamtaufwand, auch was Zeit und Geld anging. „Es war auch ein innerer Prozess.“ So habe die Corona-Pandemie die Tour-Vorbereitungen mit geprägt, er habe immer mehr gespürt, „dass es nicht mehr eine private Gebetstour sein wird“. Dass Familie und Kirchenleitung mitgespielt haben, dafür ist Netzer ausgesprochen dankbar.

Kürzere – auch anspruchsvolle – Wintertouren hat der in Calberlah wohnende Netzer schon mehrere hinter sich, hat die entsprechende Ausrüstung: Kleidung aus Merino und Daunen, ein stabiles Zelt, ein für tiefe Minustemperaturen geeigneter Schlafsack, ein zuverlässiger Benzinkocher. Und inzwischen auch ein detailliertes Wissen über die Strecke, über Wetterverhältnisse, darüber, wo er im Notfall „aussteigen“ kann. Denn auch das kann passieren, trotz langjähriger Erfahrung mit unwegsamem Gelände und widrigen Umständen.

Die mentale Kondition, gute Selbsteinschätzung – beides sei unverzichtbar, sagt Netzer. „Ich bin realistisch und weiß, dass es eine harte Nummer sein wird.“ Nicht unbedingt wegen der durchgehenden Berglandschaft, eher wegen der Schneestürme, dem Tiefschnee, extremer Minustemperaturen, der möglichen Begegnung mit einem Wildtier. „Ein Abbruch ist niemals auszuschließen. Hier spielt die mentale Stärke auch eine Rolle, ,die Panne’ annehmen zu können und nicht als ein unverzeihliches Scheitern ein Leben lang mit sich zu tragen.“

2022 01 26az3Zwar gibt es die Option, einen Notruf abzusetzen, aber wichtiger ist Netzer „die Verbindung nach oben“: Die Beziehung zu Gott sei ihm „ein lebendiges und authentisches Geschehen, das mich innerlich ausfüllt, trägt, Vertrauen einflößt und erfahrungsgemäß auch bewahrt und beschützt.“ Darauf, so Netzer, baue er auch bei dieser Tour und freue sich auch auf die Verbindung zu vielen mitbetenden Menschen über Deutschland hinaus. Die Koordinaten der Route sind ins Navigationsgerät eingespeist, der Verpflegungsplan ist erstellt. „Der Verbrauch von Lebensmitteln und Brennstoff muss genau kalkuliert werden“, nicht zuletzt wegen des Gewichts des Gepäcks, das auf dem Schlitten gezogen werden muss. „Unter 50 Kilo komme ich leider nicht und werde noch ein Paket von zehn Kilogramm per Post in eine Siedlung auf etwa der Hälfe der Strecke schicken.“ Am 8. Februar geht’s los – per Zug bis nach Abisko in Nordschweden. Von dort aus wird Netzer auf Skiern in Richtung Süden starten.

Aus der Allerzeitung vom 26.01.2022, Fotos: privat 2/Helge Sobik (Archiv)

Eine PDF mit Gebetsthemen und weiteren Informationen kann unter der Homepage der Friedenskirche eingesehen bzw. heruntergeladen werden: www.friedenskirchewasbuettel.de unter „Aktuelles“