Die derzeitige Kälte macht vielen zu schaffen, erst recht aber den Menschen und Tieren vom kleinen Zirkus "Siola". Die Minusgrade zwingen sie, ihr Winterquartier aufzuschlagen - mitten in Wasbüttel.

Im Holzwagen am Schützenplatz ist es mollig warm, im kleinen Ofen lodert das Feuer. Doch das ist keine Selbstverständlichkeit: "Wir haben etwas Holz von einem Nachbarn bekommen", sagt Emmi Csapai. Doch wenn die Temperaturen so bleiben, seien die Scheite bald aufgebraucht.
Schlimmer noch: Bei Minusgraden seien keine Vorstellungen im Zelt möglich. "Da haben wir keine Heizung", so der 32-jährige Sohn Michael Frank-Csapai.
Von der Hilfsbereitschaft der Wasbütteler und vorher von den Allerbüttelern sind Csapais begeistert. "Man wird nicht überall so herzlich aufgenommen, man fühlt sich fast zum Ort zugehörig", sagt Michael. Von der Gemeinde erhalten sie Strom, von einem Nachbarn können sie sich Trinkwasser holen - kanisterweise, ein Schlauch wäre längst eingefroren. "Wir bedanken uns bei den Bewohnern."
Statt eines begeisterten und applaudierenden Publikums sind die Tiere rund um und in der Kleinstmanege untergebracht. "Wenn sie zusammenrücken, wärmen sie sich gegenseitig." Zwei Ponys, sechs afrikanische Zwergziegen, vier Hängebauchschweine, drei Chinchillas, zehn Hunde und vier Katzen. 14 Tauben und einige Hühner haben die Zirkusleute auch noch. "Siola" ist nebenbei ein Wanderstreichelzoo.

Michael ist für die Dressur zuständig. "Allerdings dressieren die Tiere manchmal uns", sagt er, als eine der Katzen immer wieder die Wagentür öffnet - das hat sie sich selbst beigebracht - und Mutter und Sohn mehrmals zur Tür scheucht. Michael spielt auch den Clown, balanciert vier Stühle auf der Stirn oder macht auf ihnen Handstand. "Meine Mutter ist die älteste Feuerschluckerin in Deutschland", so Frank-Csapai - die 62-Jährige grinst ihn an. Dritter im Bund ist Ehemann und Schwiegervater Imre Csapai (52) - der Fakir des Zirkus' kann auf Glasscherben tanzen.

Csapais haben viel zu erzählen - aber nicht viel zu lachen. "Uns hat es ein paarmal erwischt", so Michael. Denn der Zirkus hat schon bessere Zeiten gesehen. Vor 26 Jahren zerstörte ein Sturm das Dreimasterzelt, zwei Jahre starb der Vater an Krebs, berichtet Emmi. Der Name "Siola" ist ein ehrwürdiges Andenken an ihn - rückwärts gelesen heißt er "Alois". "Er war ein großartiger August.", so der Sohn, "dazu muss man geboren sein." Er denkt gern an die glorreiche Zeit zurück, in der Alois einen Besenstil vor das Publikum hielt - mit dem sechsjährigen Michael im Handstand obendrauf. "Wir hatten Kamele, Pferde, sogar Bären" - in Michaels Stimme schwingt der Stolz vergangener Tage mit. Er und seine Mutter stammen von der Zirkusfamilie Frank ab, deren Wurzeln nachweislich bis ins Jahr 1812 zurückreichen. "Vermutlich ist sie noch viel älter."
Doch nach Alois' Tot schlug sich die Familie erst einmal ohne Zelt durch, spielte in Schulen, Kindergärten und Seniorenheimen - ein neues Standbein war gefunden. "Wir können in jedem Raum auftreten", sagt der 32-Jährige, "Bewegungsräume, Turnhallen, Essenssäle."
Doch das Glück blieb den Csapais nicht hold: Gerade als es ein wenig bergauf ging, erkrankte Michael, starb fast an einem Blinddarmdurchbruch, büßte eine Milz ein, ist heute noch angeschlagen. Aufhören? "Nein, wir haben keine andere Wahl", sagt der Sohn, "wir haben doch nichts anderes gelernt." Tiere, Auftritte, ständiger Ortswechsel - das ist das Leben. Michael wurde sogar im Zirkuszelt getauft. Außerdem: "Die Manege ist wie eine Frau, die man liebt." Die verlässt man nicht.

Auch nicht, wenn man am Rande der Existenzgrundlage spielt. Die Stühle, die der Akrobat kunstvoll auf seinem Kinn stapelt, offenbaren an vielen Stellen die erste Lackschicht, sind mit Winkelblechen geflickt. "Sie sind marode, ich bräuchte eigentlich neue." Es fehlt aber noch mehr: Brennholz- oder Kohle, Tierfutter, ein neuer Zirkuswagen, neue Rondell-Holzstangen (2,50 Meter lang) sowie Latten für ein Laufgitter. "Ein Zaun um das ganze Geschäft, das wäre toll", so die Mutter. Vor allem brauchen Csapais dringend Auftritte - ohne die haben sie kein Einkommen. Zurzeit geht es - wegen der Kälte im Zelt - wieder nur wieder in Schulen, Kindergärten oder Seniorenheimen.

Doch der ganz große Traum liegt in weiter Ferne: irgendwann mal wieder ein großes Zelt, in das mehr als 100 Zuschauer passen. Doch Michael Frank-Csapai tröstet sich: "Dieses war uns immer treu, hat so manchen Sturm überstanden."

Fotos: Silberstein
Gifhorner Rundschau, Wolfsburg, 9. Januar 2009, Gifhorn Lokales, Seite G04