Was mögen sich die Wasbütteler gedacht haben, als urplötzlich aus dem offenen Fenster der alten Schule heraus "Er war auch wirklich voller Freud, als nun vorbei die Ferienzeit" durch die stillen Straßen hallte? Christian Bormann jedenfalls machte weidlich alles zu seiner Bühne, um die Figuren aus Wilhelm Buschs "Die fromme Helene" zum Leben zu erwecken. Und das zum nicht abreißenden Gaudium des Publikums in der Alten Schule.
Eingeladen zu diesem Abend der eigenen Art hatte die Initiative "Wasbütteler Dorfleben".
Es wurde eine nicht unbedingt erwartete Mischung aus Tingeltangel, Theaterdonner, derber Charakterkomik und immer wieder Gesang. "Offenbach ist im Thalia" dröhnte Bormann die Stiege hinauf, um die klimpernde "Can-Can"-Ouvertüre seiner Partnerin am Klavier, Elona Schneider, zu kommentieren - und die Zuschauer im Sturm zu nehmen.
Was macht sie aus, diese eigenartige Faszination der Trinkerin und Ehebrecherin Helene, die immer wieder verspricht: "Dies will ich nun auch ganz gewiss nicht wieder tun"? Sieht der moderne Interpret das Wiedersehen von Lenchen und ihrer einzigen wahren Liebe Vetter Franz in der Hölle nicht gar als eine krude Art des glücklichen Endes? Auch Bormann gibt diesen fast letzten Zielen des Dramoletts einen mokanten Unterton. Was er sonst aus der Geschichte macht, hat etwas Pikantes, etwas von Pleureuse und vorsätzlich frivolem Cabaret.
Er lässt die Texte dröhnen, umgibt sich bisweilen mit einer Aura des jungen Gustaf Gründgens oder dem knarzigen Charaktercharme Kortners. Er schmettert zwar knapp an Jan Kiepura vorbei ("Ob blond, ob braun"), aber ein schmerzvoll schmelzendes Timbre, das an Zarah Leander erinnert, hat er einfach drauf und wirft sich mit Verve ins "Nur nicht aus Liebe weinen". Die Wasbüttler feierten ihn dafür.
Aus der Gifhorner Rundschau, Wolfsburg: 11. Juli 2011, Gifhorn Lokales, Seite G03, Foto: Alisch